Warum ich spreche und nicht tippe
Das ist der Schritt, den ich am wenigsten erklären kann und der am meisten entscheidet. Eineinhalb Stunden, unterwegs, allein. Ich denke nicht über das Thema nach. Ich denke es durch. Und ich spreche dabei: Unterwegs entstehen die Sprachmemos, nicht danach. Es entwickelt sich. Man geht weiter, und der Gedanke geht mit.
Warum sprechen und nicht tippen?
Beim Tippen muss der Satz fertig sein, bevor er dasteht.
Beim Sprechen bin ich mittendrin: Ich fange an, unterbreche mich, sortiere neu. Nee, das ist nicht gut. Nochmal. Anders.
Das ist kein schlampiges Schreiben. Das ist Denken, hörbar gemacht. Wer meine Memos liest, liest nicht mein Ergebnis. Er liest meinen Weg: mit allen Abzweigungen, Sackgassen und Selbstkorrekturen.
Und genau dieser Weg wird jetzt zum Material. Die Memos gehen in die KI. Sie strukturiert, was ich gesprochen habe. Dann dreht sich das Verhältnis um: Die KI stellt mir Fragen. Gute Fragen, die dahin gehen, wo es wehtut. Ich antworte, wieder im Gehen, wieder gesprochen. Erst danach entsteht Text.
Die Lücke
In der Augsburg-Memo findet sich eine Stelle, die den ganzen Prozess zeigt. Ich brauche für den Saal, in dem keine Informatiker sitzen, ein Beispiel, das jeder versteht. Was ein Algorithmus ist. In der Memo klingt das so: „Da eine schöne, anschauliche Demonstration, was eben so ein Algorithmus ist."
Übersetzt: Ich weiß genau, was ich brauche.
Ich habe es nicht.
Ich habe die Lücke gesprochen und bin weitergegangen.
Und im Entwurf, der zurückkommt, steht mein Beispiel.
Espresso.
Sechzehn Gramm
Sechzehn Gramm rein. Zweiunddreißig Gramm raus. Dreißig Sekunden.
Eine einzige Stellschraube: der Mahlgrad.
Espresso verzeiht keine Kreativität.
Das ist mein Morgen. Mein Ritual. Seit Jahren.
Und ich bin nicht darauf gekommen.
Die KI schon. Sie weiß, dass ich Espresso trinke.
Sie wusste es in diesem Moment besser als ich.
Der Espresso ist keine Deko. Er trägt die Pointe des ganzen Vortrags. Denn ein Algorithmus liefert jeden Morgen das richtige Ergebnis. Ein Sprachmodell liefert ein wahrscheinliches. Wir haben einen Computer gebaut, der sich verrechnet: Damit rechnet man nicht.
Ohne Espresso keine Pointe.
Woher weiß sie das?
In dieser Memo kommt kein Kaffee vor. Kein Wort.
Also habe ich es ihr irgendwann vorher erzählt. In einem anderen Gespräch, an einem anderen Tag, zu einem anderen Thema.
Wann, weiß ich nicht mehr.
Sie schon.
Das ist die Frage, die in der KI-Debatte kaum gestellt wird. Wir diskutieren ausführlich, was eine KI kann. Wir diskutieren selten, was sie über uns hat.
Bei mir ist das inzwischen einiges. Sprachmemos aus Monaten. Halbfertige Vorträge. Verworfene Absätze. Fragen, die ich ihr gestellt habe, weil ich sie sonst niemandem stellen wollte.
Ich habe das nie als Sammlung angelegt. Es ist eine geworden.
Und diese Sammlung vergisst nicht, was ich vergesse. Sie sortiert nichts aus, weil es ihr gerade nebensächlich vorkommt. Sie hat keinen Morgen, an dem ihr das passende Beispiel einfach nicht einfällt.
Genau das ist an dieser Stelle passiert.
Nicht: Die Maschine war kreativer als ich.
Sondern: Sie hatte parat, was ich hatte und nicht fand.
Zwei Hälften
Und es blieb nicht bei diesem einen Fund. In meiner Memo liegen zwei Gedanken weit auseinander. An einer Stelle: Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über. Viele Absätze später: das Geplapper. Im Entwurf stehen sie in einem Satz: Ein Sprachmodell ist ein Mund, der überfließt, ohne dass ein Herz voll ist.
Beide Hälften: meine.
Die Verbindung: nicht.
Auch hier stammt nichts von ihr. Es ist mein eigenes Material, nur besser überblickt, als ich es überblicke. Ich habe die beiden Stellen im Abstand von vielen Minuten gesprochen und dazwischen vergessen, dass ich die erste gesprochen hatte.
Ihr Vorteil ist nicht Intelligenz.
Ihr Vorteil ist, dass sie alles gleichzeitig vor sich hat.
Die Regel
Du ahnst, worauf das hinausläuft. Ich habe für diese Arbeitsteilung eine klare Regel. Sie darf meine Gedanken in Worte kleiden. Aber sie darf mir keine Gedanken unterschieben.
Der Espresso passt in diese Regel nicht.
Er ist kein fremder Gedanke. Er ist keine Formulierung. Er ist etwas Drittes:
Die KI hat mir nichts gegeben, was nicht schon meins war.
Sie hat mir gegeben, was ich hatte und nicht präsent hatte.
Meine Regel kennt zwei Sorten Material:
Meins und ihres.
Sie hat keine Kategorie für den Fall, dass mir jemand mein eigenes Wissen zurückreicht.
Das Gegenlesen
Bleibt der letzte Schritt, und der gehört wieder mir: das Gegenlesen.
Ich lese jeden Text, bevor er rausgeht, und ich streiche. Die typischen KI-Muster zuerst. Das ewige „nicht A, sondern B". Die glatten Dreierreihen: Mut, Entscheidungsfreude und Stärke.
Und dabei passiert etwas Merkwürdiges.
Diese Muster mag ich.
Ich habe so geschrieben, bevor es KI gab.
Jetzt streiche ich meine eigenen Stilmittel, weil eine Maschine sie sich angewöhnt hat.
Beim Streichen ist die Sache noch einfach: Was nicht nach mir klingt, fliegt raus. Ich merke das beim Lesen sofort. Aber der Espresso hat mir gezeigt, dass es eine zweite Sorte gibt. Wenn die KI mir einen fremden Gedanken unterschiebt, merke ich es. Ich lese ihn und weiß: Das bin nicht ich. Wenn sie mir einen eigenen Gedanken zurückgibt, den ich nicht präsent hatte, merke ich: nichts. Er fühlt sich an wie meiner.
Weil er meiner ist.
Der Kompass
Wenn ein Gedanke gut ist, fühlt er sich für mich an wie etwas, das schon immer da war. So prüfe ich seit Jahren meine Texte. Ob dieser Kompass in Zukunft noch ausreicht, kann ich heute nicht beurteilen. Sicher ist nur die Richtung. Der Speicher auf der anderen Seite wird größer, nicht kleiner.
Was ich ihr diese Woche erzähle, hat sie in einem Jahr noch parat.
Ich nicht.
Deshalb die Frage an dich:
Was wusste die KI über dich, worauf du selbst nicht gekommen bist?