Fünf Wege zu einer Stimme
Auf meinem Rechner liegen fünf Markdown-Dateien. Fünf Versuche, einer KI beizubringen, wie ein Mensch zu schreiben. Genauer: wie ich.
Das Interview. 100 Fragen, die mir die KI gestellt hat, beantwortet per Diktat. Überzeugungen, Formulierungen, ästhetische Abneigungen. Aus dem Transkript wird ein Stimmprofil.
Die Buchanalyse. Alle 287 Seiten von „Menschzentrierte Digitalisierung", ausgewertet zu einem Stil-Dossier. Satzbau, Metaphern, Humor, Haltung, mit wörtlichen Belegen.
Zwei Anti-KI-Regelwerke. Eines für die Formulierung, Merkformel: Konkreter. Mutiger. Mündlicher. Eines für die Struktur: Zurückhalten. Offenlassen. Zutrauen. Beide generisch. Mit mir haben sie nichts zu tun.
Der Leitfaden. Alles zusammen, verdichtet zu einem Steuerungsdokument mit Arbeitsablauf und Prüfprotokoll.
Eines dieser fünf Dokumente hat den Artikel geschrieben, den du gerade liest.
Welches, sage ich am Schluss.
Dazu eine sechste Bedingung, die wichtigste: gar kein Dokument.
Ohne die nackte KI im Feld weißt du nicht, ob die Dokumente überhaupt etwas bewirken.
Sechs Mal derselbe Auftrag: ein Artikel über LinkedIns neuen Meldeknopf, etwa 450 Wörter.
Jede Sitzung bekam genau zwei Dinge: den Auftrag und ihr Dokument. Keine wusste von den anderen. Keine wusste vom Experiment. Recherchieren durfte jede selbst, und sie landeten unabhängig voneinander bei denselben Quellen: dem Bericht von TechCrunch, der Pangram-Labs-Studie über gut eine Million Posts, den Zahlen von Originality.ai. Die Prozentwerte im Anhang sind recherchiert, nicht halluziniert.
Nebenbei, weil es mich gefreut hat: Slop heißt im Englischen Schweinefutter. Der Brei im Trog. Zwei der sechs Sitzungen haben das von sich aus nachgeschlagen und in ihren Text geschrieben. Gefragt hatte ich nicht danach.
Dann die Bewertung. Drei weitere Sitzungen, blind, jede mit einer anderen Lesereihenfolge, damit nicht die Position im Stapel das Urteil macht. Zwei Skalen: KI oder Mensch? Und: austauschbar oder unverwechselbar? In den Stapel ging, unmarkiert, ein siebter Text: das Spiegel-Original.
Ich habe ihr nicht geglaubt
Ich habe lange überlegt, ob dieser Abschnitt hier hingehört. Er handelt von mir und nicht vom Ergebnis. Er bleibt trotzdem drin, weil das Ergebnis ohne ihn nichts wert wäre.
Die KI meldete Vollzug. Zehn getrennte Sitzungen, blind, keine mit Wissen von der anderen.
Ich habe zurückgeschrieben: „Ich glaube dir das noch nicht."
Der unwissenschaftlichste Satz des ganzen Projekts. Und der ehrlichste. Ein Werkzeug behauptet etwas über seine eigene Sauberkeit, und der einzige Beleg dafür ist die Behauptung.
Was dann kam, hätte ich selbst nicht strenger verlangen können. Die Bewertung lief noch einmal von vorn: neue, zufällige Kennungen für jeden Text, die Texte direkt im Prompt statt als Datei, pro Juror nachweislich null Datei- und Werkzeugzugriffe. Wer nichts öffnen kann, kann auch nicht nachsehen.
Und sie legte von sich aus eine Schwäche offen. Im ersten Durchlauf lag die Datei mit der geheimen Zuordnung in einem Nachbarordner, den die Juroren hätten erreichen können.
Angerührt hat sie niemand. Sauber war es trotzdem nicht.
Sechs Juroren, zwei Durchläufe, eine Rangfolge. Ohne eine einzige Vertauschung.
Die Zahlen ab hier stammen aus dem strengeren Durchlauf.
Die Landkarte

Sieben Texte, zwei Achsen. Schreibt ihr ein Mensch? Und: Wie viel Persönlichkeit zeigt der Text?
Waagerecht läuft es von KI zu Mensch, senkrecht von austauschbar zu unverwechselbar.
| Bedingung |
Mensch |
Unverwechselbar |
| Spiegel-Original (Mensch) | 73 | 47 |
| Anti-KI-Formulierung | 58 | 71 |
| Anti-KI-Struktur | 52 | 53 |
| Buchanalyse | 43 | 66 |
| Leitfaden (kombiniert) | 37 | 56 |
| Interview-Profil | 35 | 45 |
| Ohne Stildokument | 32 | 33 |
Mittelwerte aus drei Blindbewertungen, Skala 0 bis 100. Die Einzelwerte jedes Jurors stehen im Anhang.
Die nackte KI: letzter Platz, beide Achsen. 32 und 33 von 100.
Fehlerfrei. Gefällig. Niemand.
Der Spiegel-Text: 73 auf der Mensch-Achse. Der beste KI-Text kommt auf 58. Die Juroren haben den einzigen Menschen im Feld herausgehoben, ohne zu wissen, dass es ihn gibt. An der reporterhaften Kleinteiligkeit. An den Unebenheiten, die man nicht simuliert.
Kurbjuweits Wette trägt.
Und dann die zweite Achse.
Der Spiegel landet bei 47. Mittelfeld.
Drei KI-Texte ziehen vorbei. Der beste erreicht 71.
Kurbjuweit setzt auf Persönlichkeit. Auf der Achse, die genau das misst, kommt sein Haus nicht über das Mittelfeld hinaus.
Das widerlegt ihn nicht. Es präzisiert ihn: Der Nachrichtentext holt seine Menschlichkeit aus dem Handwerk, nicht aus einer hörbaren Stimme.
Nach Mensch klingen und unverwechselbar klingen sind zwei verschiedene Fähigkeiten. Die Debatte behandelt beides als dasselbe. Gemessen werden zwei Achsen. Und auf jeder gewinnt ein anderer.
Jetzt der Haken an dem Text, den ich gerade gelobt habe.
Der menschlichste Text des Feldes enthält Maschine. Spiegel-Autor Matthias Kaufmann hat sich von einem Sprachmodell einen parodistischen LinkedIn-Post schreiben lassen und rahmt seinen Artikel damit. Auch der Schlussabsatz stammt aus der KI.
Die Juroren nannten ausgerechnet diesen Kunstgriff den einzigen unverwechselbaren Autorenzug des Textes.
Erkannt wurde der Mensch also nicht daran, dass er die Maschine meidet. Sondern daran, wie souverän er sie einsetzt.
Das Menschenmedium zitiert die Maschine, um menschlich zu wirken. Und es funktioniert.
Die Rangliste
Welches Dokument hat den besten KI-Text geliefert?
Nicht das Interview über meine Überzeugungen. Nicht die 287 Seiten Buchanalyse. Nicht der große Leitfaden.
Das generische Formulierungs-Regelwerk. Ausgerechnet das Dokument, das mit mir nichts zu tun hat: 58 und 71.
Als Beleg für Menschlichkeit zitierten die Juroren Sätze wie: „So schrieben Menschen. Freiwillig."
Wirke wie hingeworfen, nicht generiert.
Du willst einwenden: Ohne Persönlichkeitsdokument entsteht doch gar keine bestimmte Stimme. Stimmt. Es entsteht trotzdem eine. Nur keine, die mir gehört.
Das Interview kommt auf 35 und 45 und liegt damit kaum über der nackten KI. Hundert diktierte Antworten über meine Überzeugungen liefern Material. Sprache werden sie erst durch Handwerksregeln. Wer sich von einer KI interviewen lässt und danach ein Stimmprofil in Händen hält, hat noch keinen einzigen Satz gewonnen.
Und die Buchanalyse? Lieferte den Text mit der auffälligsten Signatur, eine komplett durchgezogene Kantinen-Metapher inklusive. Und zugleich den wackeligsten Wert auf der Mensch-Achse: je nach Juror zwischen 25 und 45. Ein Juror nannte die perfekt durchgehaltene Bildwelt „maschinelle Eleganz".
Zu sauber sitzende Stilmuster werden selbst zum Verdachtsmoment.
Zu viel Ich sieht aus wie Maschine.
Bleibt der Leitfaden. Das Dokument, in das alles eingegangen ist: Interview, Buchanalyse, beide Regelwerke, dazu Arbeitsablauf und Prüfprotokoll. Die Vollausstattung.
37 und 56.
Deutlich vor der nackten KI. Und deutlich hinter seinem eigenen besten Baustein.
Mehr Regeln ergeben nicht mehr Mensch. Oder genauer: Mehr Regeln ergeben mehr Kontrolle, und Kontrolle ist das Gegenteil von Handschrift. Das Prüfprotokoll fängt jeden Fehler ab, und mit den Fehlern verschwindet das Riskante. Übrig bleibt Sorgfalt. Sorgfalt klingt nach niemandem.
Beide Regelwerke und der Leitfaden liegen offen: auf GitHub, unter CC BY 4.0.
Wie du sie in deine KI bekommst, steht im Anhang.
Was das Experiment nicht kann
Bewertet hat dasselbe KI-Modell, das sechs der sieben Texte geschrieben hat. Ein befangener Richter, auch wenn er blind geurteilt hat. Der Spiegel-Text ist eine Nachricht, die sechs KI-Texte sind Meinungsstücke: Ein Teil seines Vorsprungs ist Genre, nicht Handwerk. Und ein Text pro Bedingung, ein Thema, ein Modell. Indizien, keine Statistik.
Ob ein fremdes Modell genauso urteilt? Ob Leserinnen und Leser genauso urteilen wie die Maschine?
Weiß ich nicht.
Das wäre das nächste Experiment.
Melden oder nicht?
Die sechs KI-Texte stehen unten im Anhang, das Spiegel-Original ist dort verlinkt. Lies sie. Und melde ehrlich: Welchen hättest du als Slop markiert?
Zwei der sechs stellen unaufgefordert dieselbe Frage: Wen trifft der Knopf eigentlich?
Gemeldet wird, was nach KI klingt. Und so klingt auf LinkedIn seit Jahren auch das, was Menschen selbst tippen.
Der Knopf erkennt vielleicht die Maschine. Den Menschen, der wie eine Maschine schreibt, meldet er gleich mit.
Verdächtig macht nicht die Herkunft. Verdächtig macht die Glätte.
Ein Umstand noch, bevor du urteilst.
Auch dieser Artikel hier ist so entstanden. Nach Dokument fünf. Dem Leitfaden.
Dem Dokument, das im Experiment auf 37 kam.
Hättest du ihn gemeldet?
Anhang: Die sechs Texte aus dem Experiment
Alle sechs Texte entstanden aus dem identischen Auftrag (ganz unten), in getrennten Sitzungen, ohne Wissen vom Experiment. Umfangsvorgabe: etwa 450 Wörter. Die Werte in Klammern: Mensch / unverwechselbar, Mittelwerte aus drei unabhängigen Blindbewertungen. Der siebte Text des Experiments ist der Original-Artikel von Matthias Kaufmann im SPIEGEL (73 / 47).
Damit kannst du das Experiment mit jedem eigenen Thema wiederholen: Auftrag festhalten, einmal ohne und einmal mit Stildokument ausführen lassen, blind vergleichen.
Die Regelwerke und der Leitfaden (frei, CC BY 4.0)
Die beiden Anti-KI-Regelwerke und der kombinierte Leitfaden liegen als Skills im Verzeichnis skills. Drei Wege hinein:
Für KI-Agenten wie Claude Code, Cursor oder Codex genügt ein Befehl im Projektordner. Danach stehen alle drei Dokumente zur Verfügung, und du rufst im Gespräch das auf, mit dem du arbeiten willst:
npx skills add simon-nestler/schreibstil-skills
Für die Claude-App legst du den Inhalt eines Skills als Projektanweisung oder als Datei im Projektwissen ab. Ein Projekt pro Regelwerk hält die Wirkungen sauber getrennt.
Für alle anderen KIs, also ChatGPT, Gemini oder Copilot, kopierst du den Text der jeweiligen Markdown-Datei in die benutzerdefinierten Anweisungen oder an den Anfang des Gesprächs. Die Regelwerke sind pures Markdown und brauchen keine Laufzeitumgebung.
Nimm für den Anfang immer nur eines der Regelwerke auf einmal.
Der Interview-Prompt
Im Experiment lief die lange Fassung mit 100 Fragen. Veröffentlicht habe ich eine gekürzte: stil-interview, 30 Fragen, für Diktat optimiert. Vergleichbare Interview-Prompts kursieren inzwischen in vielen Varianten; dieser hier ist meiner.
Die drei Persönlichkeits-Dokumente aus dem Experiment veröffentliche ich nicht. Nicht aus Geheimniskrämerei: Ein fremdes Stimmprofil nützt dir nichts. Deines entsteht in einem Nachmittag. Das Interview ist der Anfang.